Die Vorträge

Farbe lesen   
Prof. Andreas Uebele (Stuttgart)

Farbe ist ein sinnliches Erlebnis, das bereits im Entwurfsprozess eine wesentliche Rolle spielt: »der druck zeigt farbe. er ist körper. er verbindet sich mit dem papier. das rote pigment leuchtet auf glattem papier und wird matt, wenn es in weiche hadern dringt. braun ist ein schwieriger ton. gedruckt auf textil wirkt er sanft, lackiert auf metall erscheint er abweisend. farben müssen ein nebeneinander bilden mit stoff und körper. das stoffliche ist hart oder weich, glänzend oder matt und verändert den ton. er reagiert auf das grün, das neben ihm steht, und hält zwiesprache mit dem gelb. das fließende stoffliche reflektiert das braune licht weich und grau, das gelbe wird hart. farbe, druck und material haben ihre eigenen gesetze, man muss sie lesen.«

Lippenstifte für Gorillas
Thomas Weil (Rinnenthal)

Muster sind wieder in. Seit zehn Jahren werden sie von Architekten, Künstlern und Designern vermehrt eingesetzt, scheinbar ohne lange nach einem warum oder wieso zu fragen. Das ist mehr als erstaunlich. Sagte nicht der berühmte Sir Norman Foster, ein Spezialist für Fassadenmuster, dass Ornamente Lippenstifte für Gorillas seien? Den Unterschied zwischen Muster und Ornament gibt es nicht, sagt Thomas Weil, denn Muster sind »nichts anderes als minimalistische Versionen des Ornaments«. Doch woher nehmen moderne Architekten wieder all die Vorlagen, zumal man die Musterbücher über 80 Jahre lang in Giftschränken mit der Aufschrift »Ornament« weggesperrt hatte? Und woher weiß man heute, was gute und schlechte, passende und weniger passende Muster sind? Diesen interessante Fragen wird im Vortrag eingehend nachgegangen. Dabei geht es weniger um Thesen, sondern ganz konkret um eine Sichtung und Analyse von Ornamenten, die in der Gestaltungspraxis heute verwendet werden.

Darf es ein Byte mehr sein?   
Gottfried Pank (Overath)

Design reagiert nicht nur auf gesellschaftliche, ökonomische und kulturelle Entwicklungen, es wird auch ganz wesentlich von neuen technologischen Entwicklungen beeinflusst. Seit mehreren Jahren beobachten wir einen Boom bei Materialbibliotheken, die es sich zur Aufgabe machen, die neuesten Materialentwicklungen in möglichst zahlreichen neuen Produkten anzuwenden. Der Vortrag beschäftigt sich vor allem mit immateriellen Einflüssen im Ergebnis der allgegenwärtigen Digitalisierung – und zwar unter zwei Aspekten: Der Entwicklung völlig neuer Farb-, Oberflächen- und Formwelten unter dem Einfluss digitaler Medien und virtueller Szenarien, sowie der Evolution klassischer Materialien wie Papier, Textil oder Holz unter dem Einfluss digital gesteuerter Bearbeitungstechnologien. Beide Aspekte bewirken einen höchst rasanten und gleichermaßen nachhaltigen Innovationsschub.

Die Dynamik des Gefallens   
Prof. Dr. Claus Christian Carbon (Bamberg)

Design- und Modetrends werden, so eine weit verbreitete Annahme, meist von wenigen Gurus diktiert. Heute weiß die Psychologie, dass ästhetische Vorlieben auch biologische Ursachen haben. Auch Zeitabläufe spielen eine Rolle, in denen sich Vorlieben oder Ablehnungen verändern. Von Bedeutung ist auch der jeweils optimale Sinnesreiz: während beim Vorgang des Kaufens das Optische dominiert, werden Tastgefühl und Klang eines gekauften Gegenstands meist erst nach Wochen oder Monaten wich-tiger. Selbst die innere Gestimmtheit eines Menschen ist für seine Geschmacksurteile wesentlich: Sobald wir uns schlecht fühlen, wird Altbekanntes schnell langweilig, geht es uns dagegen gut, verspüren wir vermehrt Lust auf Neues. In der Dynamik sich verändernder Gefallensurteile liegt der Schlüssel zum Verständnis unserer Alltagskultur, ganz gleich, ob es sich dabei um Farben, Formen, Proportionen oder Räume handelt.

Bilder Räume Farben   
Laura Fogarasi-Ludloff und  Jens Ludloff (Berlin)

»Die Natur ist nicht an der Oberfläche«, war Paul Cezanne überzeugt, »sie ist in der Tiefe. Und Farben sind der Ausdruck der Tiefe an der Oberfläche«. Auch Josef Abers war an der Farbe und ihrer Wahrnehmung interessiert. In seinem Farbkurs Interaction of Color studierte er die Wechselwirkungen physikalischer Tatsachen und subjektiver Seherfahrungen. Für das Berliner Architektenehepaar Ludloff entsteht farbige Architektur ebenfalls in einer komplexen Auseinandersetzung von Wahrnehmung und Seherfahrungen, von objektiven Fakten und subjektiven Empfindungen, von Erinnerung und Erkenntnis. Und es geht ihnen stets darum, aus dem Betrachter von Architektur auch Akteure in der Architektur zu machen. »Wenn man das als Architekt schafft, ist man schon sehr gut. Daran arbeiten wir.«

Räume inszenieren
Prof. Beatrix von Pilgrim (Braunschweig)

Das Inszenieren von Räumen ist ein äußerst vielschichtiger Prozess, vor allem dann, wenn man die zahlreichen Aspekte berücksichtigt, die unsere Wahrnehmung und unser Verhalten im Raum beeinflussen. Einen großen Fundus an Wissen und Erfahrung können Szenografen vermitteln, die als Theatermacher und Bildende Künstler arbeiten, aber auch im Ausstellungsbereich zuhause sind. Gute Szenografen erforschen menschliche Wahrnehmungsphänomene und wenden sie auf künstlerische Weise an. Im Vortrag wird vor allem der Frage nachgegangen, welche Sinnesreize die Wahrnehmung so beeinflussen, dass bestimmte äußerem und innere Bilder entstehen – und welche Rolle dabei Farben, Materialien und Licht spielen.

Die Macht der Farben
Prof. Harald Braem (Bettendorf)

Wir leben tatsächlich gefangen in den Echokammern der Zeit: Archetypen, ursprüngliche Prägungen, sind fest in den Datenbanken des Bewusstseins gespeichert und beeinflussen bis heute unser Verhalten. Aber nicht nur Echos der Urzeit determinieren uns, sondern auch kulturelle Übereinkünfte und Wertsysteme – soziale Hologramme. Für alle diese Reize, die durch Farben zu Signalen werden, sind wir als Empfänger schwingungsbereit. Das Geheimnis ist: Die Macht der Farben wirkt überall. Man muss sie nur richtig nutzen.

Die Grammatik der Farbe
Eckhard Bendin (Dresden)

Kann Farbe Ausdruck generativer Vorgänge oder rekursiv bedingter Selbstorganisation sein? Den generativen Aspekt der Farbe kann man als ein strukturelles Regelwerk verstehen, das den harmonikalen Zusammenhang deutlich macht, in dem sich uns die Vielfalt der Farbe zeigt. Die Vorstellung von einer generativen Grammatik der Farbe wird von einem neuen Forschungsansatz gestützt, den so genannten »Stehenden Wellen«. Im zweiten Schwerpunkt des Vortrags wird dargestellt, wie man Farbe als sinnliches Erleben und als geistige Vorgänge in acht ineinander gefaltete Farbwelten erfassen kann. Diese Farbwelten können nicht nur die Eigenarten jedes Farbbereichs, sondern auch die Beziehungen der Farben zueinander als eine zusammenhängende Struktur verdeutlichen. Auf diese Weise wird klar, wie Farbqualitäten miteinander verknüpft sind und wie sie zusammen genommen ein rückkoppelndes System bilden, das der funktionalen Selbstorganisation des menschlichen Wesens entspricht.

Findings Kalifornien
Annette Thurner (Scheyern)

Wie lassen sich, im weitesten Sinn, neue Ansätze für den Umgang mit Farbe und Materialien finden? Für Annette Thurner lag die besondere Herausforderung in der Verknüpfung bisher erlernten Fähigkeiten mit einem konkreten Kontext: der Charakteristik kalifornischer Landschaften. In Ihrer Studie verbindet sich ihre Begeisterung fürs Schneiderhandwerk einschließlich Schnitttechnik sowohl mit den verschiedenen Disziplinen der Visuellen Kommunikation (Grafik, Zeichnung und Fotografie) als auch den subjektiven Eindrücken der besuchten Orte. Durch Farb- und Materialkol-lagen, aber auch mittels Modellen und Beschreibungen verdichtet sie die Essenz eines Ortes. Ausgehend von diesen kreativ weiterentwickelten Findings entstanden konkrete Material- und Produktstudien, die als Originale zu sehen sind.

Der Weg zum persönlichen Farbausdruck
Roseline Heinis-Helbling (Basel)

Der Vorkurs an der renommierten Schule für Gestaltung Basel bildet die Grundlage für weiterführende Studien in den Bereichen visuellen Gestaltung und Kunst. Im Rahmen einer Schulung handwerklicher Kompetenzen, methodischen Denkens sowie der Selbst- und Fremdwahrnehmung sollen die Studierenden bei verschiedenen Aufgabenstellungen den Reichtum der farblichen Ausdrucksmöglichkeiten entdecken und damit ihren persönlichen Zugang zur Farbe finden. Hierzu werden unter anderem zahlreiche Farbkombinationen erarbeitet und durch Betrachten und Vergleichen verfeinert. Neben einer Sensibilisierung für Farbe ist die unmittelbare sinnliche Wirkung auf den Betrachter von Bedeutung, aber auch Fragen der subjektiven Erinnerungen und Assoziationen oder des Einflusses von Textur, Form und Propor-tion. Der Vortrag wird durch zahlreiche Bildbeispiele illustriert, was den hohen ästhetischen Reiz dieser elementaren Farbstudien eindrucksvoll belegt.

Weshalb manche Unternehmen blau sind   
Prof. Matthias Beyrow (Berlin)

Beim Corporate Design gehört Farbe – neben Logo, Typografie und Bildsprache – zu den grundlegenden Kommunikationsbausteinen, die auf unterschiedlichen Medien zu einem, im besten Fall typischen, Gesamtbild arrangiert werden.
Einerseits ist Farbe, ganz besonders die Farbkonsistenz, bei der Umsetzung eines Corporate Designs eine produktionstechnische und damit handwerkliche Herausforderung. Schließlich gilt es, unterschiedliche Farbmischsysteme und Farbträger aufeinander abzustimmen. Andererseits ist Farbe für den Corporate Designer eine inhaltliche und konzeptionelle Herausforderung, da die Wirkung von Farbe auf keiner stabilen Grundlage basiert, denn Farburteile sind Sammelstellen für Befindlichkeiten. Wie, und auf welcher Basis können dann Farbentscheidungen im Dienst eines weitreichenden Corporate Design getroffen werden? Können Farben demnach »richtig« sein? Und weshalb sind dann viele Unternehmen blau und manche Pausen lila?